autismus Bayern e.V. positioniert sich klar gegen die Therapieform ABA (Applied Behavior Analysis)
Begriffserklärung und Abgrenzung
ABA ist nicht gleich Verhaltenstherapie
In der öffentlichen Diskussion werden die Begriffe ABA (Applied Behavior Analysis) und Verhaltenstherapie häufig verwechselt oder gleichgesetzt. Diese Vermischung führt zu Missverständnissen. Daher möchten wir die Unterschiede klar benennen:
ABA (Applied Behavior Analysis)
- Basiert auf behavioristischen Prinzipien der Konditionierung (Belohnung/Bestrafung)
- Ziel: Autistische Verhaltensweisen unterdrücken und durch neurotypische ersetzen
- Intensive Anwendung: Oft 20-40 Stunden pro Woche
- Fokus: Äußere Verhaltensanpassung, nicht inneres Wohlbefinden
- Historisch: Entwickelt von Ivar Lovaas, ursprünglich auch mit aversiven Methoden
- Kritik: Missachtet Autonomie, fördert die Notwendigkeit von Masking, kann traumatisierend wirken
Verhaltenstherapie (z.B. kognitive Verhaltenstherapie)
- Therapeutischer Ansatz zur Bewältigung psychischer Belastungen
- Ziel: Hilfe bei Ängsten, Zwängen, Depressionen oder anderen Herausforderungen
- Zusammenarbeit: Therapeut und Klient arbeiten gemeinsam an individuellen Zielen
- Fokus: Lebensqualität verbessern, nicht autistische Merkmale beseitigen
- Selbstbestimmung: Die Person bestimmt ihre Therapieziele mit
- Akzeptanz: Autismus wird als Teil der Identität respektiert
Der entscheidende Unterschied
Verhaltenstherapie kann autistischen Menschen helfen, mit Begleiterscheinungen wie Angststörungen umzugehen – ohne ihre autistische Identität zu unterdrücken. Sie ist eine Unterstützung bei selbstgewählten Zielen.
ABA hingegen zielt darauf ab, autistische Menschen in ihrem Kern zu verändern und sie an neurotypische Normen anzupassen – oft gegen ihren Willen oder ohne ihre informierte Zustimmung.
Unsere Position richtet sich ausdrücklich gegen ABA als Methode zur "Autismus-Behandlung", nicht gegen sinnvolle verhaltenstherapeutische Unterstützung bei konkreten psychischen Belastungen, die autistische Menschen respektvoll und selbstbestimmt in Anspruch nehmen möchten.
Positionspapier gegen ABA
Als Landesverband autismus Bayern e.V. sehen wir uns in der Verantwortung, klar Stellung zu beziehen, wenn es um Therapieformen geht, die das Wohlergehen autistischer Menschen betreffen können. Nach intensiver Auseinandersetzung mit der Angewandten Verhaltensanalyse (Applied Behavior Analysis, kurz ABA) und in Übereinstimmung mit unseren Mitgliedsvereinen positionieren wir uns entschieden gegen diese Therapieform.
Grundlage unserer Position
Unsere Haltung stützt sich maßgeblich auf die fundierten Positionspapiere unserer Mitgliedsvereine:
- Autismus Mittelfranken e.V. hat bereits im Jahr 2016 eine klare Stellungnahme gegen ABA verfasst (weiter zur Stellungnahme von Autismus Mittelfranken e.V.)
- autismus Regensburg e.V. hat in seinem Positionspapier die problematischen Aspekte von ABA detailliert analysiert (weiter zum Positionspapier von autismus Regensburg e.V.)
Diese beiden Papiere bilden das Fundament für unsere landesweite Position und zeigen, dass die Kritik an ABA nicht isoliert, sondern wissenschaftlich fundiert und fachlich begründet ist.
Warum wir ABA ablehnen
1. Unterdrückung natürlicher Verhaltensweisen
ABA zielt darauf ab, autistische Verhaltensweisen zu unterdrücken und durch neurotypische Verhaltensweisen zu ersetzen. Dies ignoriert die Tatsache, dass viele autistische Verhaltensweisen wichtige Funktionen haben – sei es zur Selbstregulation, Kommunikation oder als Bewältigungsstrategie. Die Unterdrückung dieser natürlichen Verhaltensweisen kann zu erheblichem Stress und psychischen Belastungen führen.
2. Masking und langfristige psychische Folgen
ABA trainiert autistische Menschen darauf, ihre natürlichen Reaktionen zu maskieren und ständig neurotypisches Verhalten zu simulieren. Dieses permanente "Masking" ist extrem erschöpfend und kann zu Burnout, Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen führen. Studien zeigen, dass ehemalige ABA-Teilnehmer häufiger unter PTBS-Symptomen leiden.
3. Missachtung der Autonomie und Würde
ABA behandelt autistische Menschen oft als passive Objekte, die "korrigiert" werden müssen, anstatt sie als Individuen mit eigenen Bedürfnissen, Präferenzen und Rechten zu respektieren. Die Methode ignoriert die Kommunikationsversuche autistischer Menschen und zwingt ihnen fremde Verhaltensweisen auf.
4. Veraltetes Verständnis von Autismus
ABA basiert auf einem defizitorientierten Verständnis von Autismus, das inzwischen als überholt gilt. Moderne Autismusforschung erkennt Autismus als neurobiologische Variante an, nicht als Störung, die "repariert" werden muss. ABA ignoriert diese Erkenntnisse und hält an pathologisierenden Ansätzen fest.
5. Fokus auf äußeres Verhalten statt inneres Wohlbefinden
ABA misst Erfolg ausschließlich an der Anpassung äußerer Verhaltensweisen, ohne das innere Erleben und Wohlbefinden der autistischen Person zu berücksichtigen. Ein Kind mag nach ABA-Behandlung äußerlich "normaler" wirken, innerlich aber leiden und traumatisiert sein.
Unsere Alternative: Akzeptanz und Unterstützung
Statt auf verhaltensverändernde Therapien zu setzen, befürworten wir Ansätze, die:
- Die Neurodiversität respektieren und autistische Eigenarten als natürlich anerkennen
- Auf die individuellen Stärken und Interessen autistischer Menschen aufbauen
- Kommunikation in allen Formen unterstützen und fördern
- Selbstbestimmung und Autonomie stärken
- Das Umfeld sensibilisieren und anpassen, statt die autistische Person zu verändern
- Echte Inklusion fördern, die Unterschiede wertschätzt
Unser Appell
Wir appellieren an alle Fachkräfte, Eltern und Entscheidungsträger in Bayern:
Setzen Sie auf Therapieformen, die das Wohlbefinden autistischer Menschen in den Mittelpunkt stellen. Fördern Sie Ansätze, die Kommunikation unterstützen, Selbstregulation lehren und die individuellen Stärken entwickeln – ohne dabei die autistische Identität zu unterdrücken.
Hören Sie auf autistische Stimmen. Die Betroffenen selbst sind die besten Experten für ihre eigenen Bedürfnisse. Ihre Erfahrungen und Perspektiven müssen bei allen Entscheidungen berücksichtigt werden.
Fazit
Als autismus Bayern e.V. stehen wir für eine inklusive Gesellschaft, die autistische Menschen so akzeptiert, wie sie sind. ABA widerspricht diesem Grundsatz fundamental. Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass autistische Menschen in Bayern Zugang zu respektvollen, evidenzbasierten und würdevollen Unterstützungsformen erhalten.
Die Positionspapiere von autismus Regensburg e.V. und Autismus Mittelfranken e.V. zeigen eindrucksvoll, dass diese Position nicht nur ethisch geboten, sondern auch fachlich fundiert ist. Gemeinsam setzen wir uns für eine bessere Zukunft autistischer Menschen in Bayern ein.
Für weitere Informationen und bei Fragen zu unserer Position wenden Sie sich gerne an uns. Die vollständigen Positionspapiere unserer Mitgliedsvereine finden Sie über die oben genannten Links.